Bitterfeld-Wolfen bietet Patenschaften für Archivalien

Ob nun Schriftwechsel und Schriftstücke der Apotheke am Markt von 1686 bis 1925 oder Bauanträge und Genehmigungen der Aktienbrauerei von 1876 bis 1890 – das Stadtarchiv Bitterfeld-Wolfen (Sachsen-Anhalt) verwahrt viele lokal bedeutende Archivalien. Diese sind in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten in Bitterfeld und Wolfen sowie in den Orten Greppin, Thalheim, Holzweißig und Bobbau entstanden. Die ältesten historischen Akten, die sich im Archivbestand befinden, stammen aus dem Jahr 1391.

„Manche dieser Archivschätze sind in der Vergangenheit an Orten aufbewahrt worden, die nicht immer dafür geeignet waren, und haben Schaden genommen“, sagt Archivarin Dana Kubitschek und meint: „Daher weisen einige von ihnen Wurm- und Mäusefraß, Insektenschäden oder Wasserflecken auf. Aber auch das hohe Alter zeigt sich deutlich.“ Versucht man sich beispielsweise vorzustellen, wie oft die Akten in den letzten 600 Jahren in die Hand genommen oder umgelagert wurden, ist es nicht verwunderlich, dass bei einigen von ihnen der Einband beschädigt ist sowie einzelne Blätter porös und eingerissen sind. „Schwere Schäden an unserem Archivgut zeigen sich auch durch den stets gefürchteten Tintenfraß. Dabei brechen die Buchstaben durch die freigesetzte Schwefelsäure heraus, wodurch das Schriftbild unlesbar werden kann. Daher benötigen unsere Akten dringend Hilfe.“

Daher sucht das Stadtarchiv Bitterfeld-Wolfen nun Restaurierungspaten, um das Gedächtnis der Stadt zu schützen und für zukünftige Generationen zu bewahren. „Denn nur eine professionelle Restaurierung kann den Verfall aufhalten und dem Archivgut eine Zukunft schenken“, sagt die Archivarin und erklärt, wie man sich einbringen kann: „Wir suchen Sponsoren, die eine Patenschaft für einzelne Akten beziehungsweise Archivalien übernehmen oder durch Teilspenden zum Erhalt des Archivguts beitragen möchten.“ Bereits kleine Geldbeträge helfen und sind willkommen. Mit diesen könnten beispielsweise kleinere Schäden am Archivgut behoben werden. „Die Paten werden mit einer Urkunde geehrt, die als Kopie auch in der jeweils restaurierten Archivale eingelegt wird. So bleibt der Name des Restaurierungspaten dauerhaft mit der Archivale verbunden und auch nachfolgende Generationen erfahren von dessen Großzügigkeit. Mit dem Einverständnis der Restaurierungspaten erwähnen wir das Engagement auch gern namentlich auf unserer Homepage.“ Ab einer Spende von 50 Euro erhalten die Paten eine steuerlich absetzbare Spendenquittung.

Das Stadtarchiv hat einen Katalog mit sieben Restaurierungsobjekten samt Bild und Text fertiggestellt. Nach Eingang der Spende wird die Archivale fachgerecht restauriert. Danach erfolgt die ordnungsgemäße Rückführung in den Bestand des Stadtarchivs Bitterfeld-Wolfen. Bei Teilspenden wird das Geld angespart, bis eine Komplettrestaurierung einer Archivale ermöglicht werden kann. Der Katalog ist einzusehen unter: www.bitterfeld-wolfen.de/Restaurierungspaten

Auch ein Spendenkonto bei der Kreissparkasse Anhalt-Bitterfeld ist eingerichtet worden:
IBAN: DE 71 8005 3722 0034 0040 73
BIC: NOLADE21BTF
Verwendungszweck: Restaurierungspaten

Ansprechpartnerinnen für das Restaurierungspaten-Projekt im Stadtarchiv Bitterfeld sind: Dana Kubitschek (Tel.: 03494 666 0 243) und Carolin Matthey (Tel.: 03494 666 0 241).

Kontakt:
Stadt Bitterfeld-Wolfen
OT Stadt Wolfen
Rathausplatz 1
06766 Bitterfeld-Wolfen

Stadt Bitterfeld-Wolfen
OT Stadt Bitterfeld
Markt 7
06749 Bitterfeld-Wolfen

Telefon: 03494 6660 240
Telefax: 03494 66609 240
stadtarchiv@bitterfeld-wolfen.de

Quelle: Stadt Bitterfeld-Wolfen, News, Juli 2022; Mitteldeutsche Zeitung, 7.7.2022

Wappen der Amberger Tuchscherer wiederentdeckt

Bei Inventarisierungsarbeiten im Stadtarchiv Amberg ist kürzlich eine ungewöhnliche Federzeichnung ans Licht gekommen. Wie sich bei den Nachforschungen herausstellte, handelt es sich um ein Wappen der Tuchscherer, das ihnen angeblich sogar Kaiser Barbarossa verliehen haben soll. „Fest steht, dass ein Wappen dazugehörte, als man Mitte des 18. Jahrhunderts in Bayern eine kaiserliche Zunftordnung erwirkte. Dessen Gestaltung wurde dann auch in Amberg ventiliert“, erklärte der Leiter des Amberger Stadtarchivs Dr. Andreas Erb Oberbürgermeister Michael Cerny, als er ihm den Fund präsentierte.


Abb.: Ambergs Stadtarchivar PD Dr. Andreas Erb (rechts) präsentiert Oberbürgermeister Michael Cerny das bei Inventarisierungsarbeiten gefundene Wappen der Tuchscherer (Foto: Thomas Graml, Stadt Amberg)

„Ein wenig bedrohlich wirkt es schon“, meinte auch OB Michael Cerny, als er das Wappen genauer in Augenschein nahm. Der Greif, der den Wappenschild dominiert, trägt nicht nur das Jagd- und Baugerät als Doppelhaken, sondern in seiner rechten Klaue auch eine gezündete Granate. „Nicht nur der Heraldiker fragt sich, wie es zu einer derart explosiven Selbstdarstellung einer Handwerkszunft kommen konnte“, gab ihm auch der Stadtarchivar recht.

Andererseits habe das Gewerbe durchaus Konfliktstoff geboten, berichtete Dr. Erb. Die Aufgabe der Tuchscherer habe nämlich darin bestanden, mit großen Bügelscheren überstehende Wollfaserreste abzuschneiden und dem Stoff so zu einer glatten Oberfläche zu verhelfen. Diese textilveredelnde Tätigkeit erforderte Kooperation mit anderen Zünften des Textilgewerbes, mündete aber häufig auch in Abgrenzungskonflikten. Wer hier bestehen wollte, musste darum im doppelten Sinne des Wortes gewappnet sein.


Abb.: Wappen der Tuchscherer (Foto: Thomas Graml, Stadt Amberg)

Bei der in den Amberger Akten gefundenen Darstellung des Wappens handelt es sich um eine Federzeichnung, bei der sich der Künstler offenkundig einen älteren Lexikonartikel zum Vorbild nahm. Diesem bleib er in der Farbgebung treu, den Greifen aber gestaltete er mit bemerkenswerter Phantasie aus und verlieh ihm die waffenstarrenden Attribute. Man musste schon genauer hinsehen, um über dem Helm und dort auf dem Doppeladler auch die Tuchschere zu entdecken.

Ob die wesentlich größer gezeichnete Granate ein probates Mittel des Konfliktaustrags war, dürfte freilich auch innerhalb der Tuchschererzunft bezweifelt worden sein. Wie Dr. Erb dem Oberbürgermeister weiter schilderte, bezeugen zahlreiche im Stadtarchiv Amberg überlieferte Gerichtsprozesse im Bereich des Textilgewerbes, dass man sich in deren Reihen dann doch eher auf legale Mittel besann.

Kontakt:
Stadtarchiv Amberg
Paulanerplatz 17
92224 Amberg
Telefon: +49 (0)9621/10-1266 /10-1267
Fax: +49 (0)9621/10-7267
stadtarchiv@amberg.de

Quelle: Stadt Amberg, News, 1.7.2022

Österreichische Nationalbibliothek übernahm Archiv des Esperanto-Weltbundes

Die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) übernahm vor kurzem das 158 Kisten umfassende, komplette Archiv der Universala Esperanto-Asocio (UEA), eines der weltweit umfangreichsten und bedeutendsten Archive zur Sprache Esperanto und zur internationalen Esperantobewegung. Die bereits 1887 erstmals veröffentlichte, geplante Sprache Esperanto soll die weltweite Verständigung über alle kulturellen Unterschiede hinweg als Universalsprache ermöglichen.


Abb.: Foto-Geschenk an die KongressteilnehmerInnen anlässlich des Internationalen Esperantokongresses 1909 in Barcelona

Die Schenkung beinhaltet eine Fülle und Vielfalt an Exemplaren und Dokumenten sowie umfassende Manuskript-, Plakat-, Foto- und audiovisuelle Sammlungen. Damit werden umfangreiche historisch-kulturwissenschaftliche und historisch-philologische Forschungsprojekte zur Sprache Esperanto ermöglicht. Dieser reiche Schatz wird derzeit in der Sammlung für Plansprachen der Österreichischen Nationalbibliothek für die Benützung erschlossen und für interessierte LeserInnen zugänglich gemacht.

Unter den Büchern befinden sich unter anderem auch Exemplare der ersten Lehrbücher für Esperanto in Arabisch (Kairo 1904), Griechisch (Samos 1907) und Kartwelisch (Tiflis 1909), die darauf verweisen, dass Esperanto ausgehend von Ost- und danach Westeuropa bereits vor dem Ersten Weltkrieg auch außerhalb der größeren europäischen Sprachgemeinschaften rezipiert wurde. Das Archiv enthält auch zahlreiche Dokumente zur Geschichte des Esperanto Weltbundes und des Esperantomuseums der Österreichischen Nationalbibliothek sowie der Sammlung für Plansprachen.


Abb.: Kinderbücher in Esperanto, 20. Jahrhundert

Das 1927 gegründete Esperantomuseum der Österreichischen Nationalbibliothek ist weltweit eines der ältesten Sprachmuseen und eine der bedeutendsten Einrichtungen seiner Art. Das Museum, beziehungsweise die damit eng verbundene Sammlung für Plansprachen, dokumentiert rund 500 plansprachliche Projekte. Mit einem Bestand von mehr als 150.000 Objekten, darunter 75 Archive persönlicher und institutioneller Provenienz, bewahrt die Sammlung die weltweit größte Fachbibliothek für Esperanto, andere Plansprachen und Interlinguistik.

Die Universala Esperanto-Asocio mit Sitz in Rotterdam etablierte sich rasch als wichtigste Vertretung der internationalen Esperanto-Gemeinschaft. Heute hat sie Mitglieder in mehr als 100 Ländern und erfüllt verschiedene Aufgaben: von der Veröffentlichung der Zeitschrift „Revuo Esperanto“ seit 1908, zur Organisation von Konferenzen zu interlinguistischen Themen bis hin zur Veranstaltung von jährlich stattfindenden Esperanto-Weltkongressen.

Kontakt:
Österreichische Nationalbibliothek
Josefsplatz 1
Postfach 25
1015 Wien
Tel.: +43 1 534 10
Fax: +43 1 534 10-280
onb@onb.ac.at
Sammlung für Plansprachen: esperanto@onb.ac.at

Esperantomuseum der Österreichischen Nationalbibliothek
Palais Mollard
Herrengasse 9
1010 Wien
Tel.: +43 1 534 10-730
esperanto@onb.ac.at

Quelle: Österreichische Nationalbibliothek, Pressemeldung, 5.7.2022

Stadtarchiv Halle (Saale) erhielt Nachlass der Malerin Hedwig Huschke

Das Stadtarchiv Halle (Saale) hat am 4.7.2022 den künstlerischen Nachlass der halleschen Malerin und Grafikerin Hedwig Huschke (1900-1987) erhalten. Ihr Neffe Georg Huschke (Neustrelitz) hat in den vergangenen Jahren insgesamt 2.310 Arbeiten aufgearbeitet und nun der Saalestadt überreicht. Die Beigeordnete für Kultur und Sport, Dr. Judith Marquardt, übernahm den Nachlass von Georg Huschke für das Archiv.

Vom 2. Mai bis zum 30. Juni 2022 war im Stadtarchiv Halle (Saale) eine gut besuchte Personalausstellung mit Werken von Hedwig Huschke zu sehen.

HEDWIG HUSCHKE „Zum Wesen der Kunst“ (ein Auszug):

… Im Herbst 1921 sah ich im Landesmuseum zu Weimar eine umfassende Ausstellung der Werke des damals neu berufenen Malers Prof. Hugo Gugg. Der tiefe Eindruck dieser Werke bestimmte mich, zu diesem Meister in die Lehre zu gehen.

Es war der Weg zur wahren Kunst, die nicht um ihrer selbst willen da ist, die nicht vom Leben losgelöst ist, sondern im Dienste des Lebens steht, ohne jedoch diese Absicht irgendwie zur Schau zu tragen, die wahre Kunst, die wie Robert Saitschick (1868-1965) sagt: „durch ihre Reinheit und Tiefe des Erlebens erschütternd, veredelnd und erhebend auf den Menschen wirkt – die das Leben sinnvoll deutet, die in die Tiefe des Daseins dringt und zu den Höhen der Erlösung führt.“

Im Mittelpunkt aller Studien und Betrachtungen dieser Jahre stand das Kunstwerk in diesem erhabenen Sinne, denn ohne ständige Beziehung auf das Wesentliche bleibt alle Arbeit ein nur Äußerliches. Des Sichtbare in der Kunst ist nur die Hülle, hinter der das Geheimnis allen Lebens waltet.

In dieser Lehre ist die Malerei nicht nur Zeichnung, Farbe, Beobachtung und Erfindung, sondern Seele. Es war nicht das Erlernen einer Technik und Manier, sondern das Ringen um das sogenannte Technische in der Kunst als dem nie auszulernenden Mittel, dem Höchsten nahe und immer näher zu kommen.

Dieses Studium umfasste alle Techniken, es war das Erlernen des Handwerks von Grunde auf. Das Kunstwerk ist nicht das Ergebnis eines mehr oder weniger bedeutenden Könnens, sondern Form, Farbe, Sinne in ihrer stärksten Ausprägung sind nur Andeutungen eines unerschöpflichen Inhalts.

Kontakt:
Stadtarchiv Halle (Saale)
Rathausstraße 1
06108 Halle (Saale)
Auskunft/Lesesaal: 0345 221-3300
Fax: 0345 221-3330

Quelle: Stadt Halle, Nachrichten, 1.7.2022; Du bist Halle, Nachrichten, 6.7.2022

Archiv und Wirtschaft 2/2022

Die aktuelle Ausgabe 2/2022 der Zeitschrift „Archiv und Wirtschaft“ der Vereinigung der Wirtschaftsarchivarinnen und Wirtschaftsarchivare e.V. (VdW) erscheint in Kürze. Darin widmet sich u.a. Dr. Silvia Lolli Gallowsky, die Geschäftsführerin des vor 25 Jahren gegründeten Historischen Vereins bayerischer Genossenschaften e.V. den Archivbeständen der landwirtschaftlichen Kreditgenossenschaften Bayerns.

Der Historische Verein bayerischer Genossenschaften e.V. pflegt das Historische Archiv des Genossenschaftsverbands Bayern e.V. und dessen Firmenbibliothek. Im Archiv des Genossenschaftsverbands Bayern werden die Unterlagen des Verbands sowie seiner Vorgängerinstitutionen und fusionierter Verbände, Verbundunternehmen und Mitgliedsgenossenschaften von den Gründungszeiten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis hin zur Gegenwart bewahrt und gepflegt. Auch einige Bestände aus externen genossenschaftlichen Archiven sind in der Obhut des Historischen Vereins in München archiviert.

Inhaltsverzeichnis „Archiv und Wirtschaft“ 2/2022

AUFSÄTZE

Silvia Lolli Gallowsky: Dokumente aus der Rechnerstube: Archivbestände der landwirtschaftlichen Kreditgenossenschaften Bayerns (76–83)

Marie Laperdrix and Roger Nougaret: French Banking archives – history and perspectives (84–92)

Michael Bursian: Erfahrungen mit der Anwendung von 5S in Archiven (93–100)

BERICHTE

Michael Kamp, Lars Plettenberg und Ingo Welling: Mehr als 100 Jahre Betriebsratsgeschichte bei Dräger. Ein Ausstellungsprojekt während der Corona-Pandemie (101–105)

REZENSIONEN

Irmgard Ch. Becker u. a. (Hrsg.): E-Government und digitale Archivierung. Beiträge zum 23. Archivwissenschaftlichen Kolloquium der Archivschule Marburg (Marius Luszek) (106–107)

Walter Hochreiter, Juris Salaks, Christian Helm, Tobias Ehrenbold, Christine Hatzky und Michael Rothmann: Roche in der Welt 1896–2021. Eine globale Geschichte, 3 Bde., hrsg. v. Alexander Lukas Bieri (Michael Bursian) (108–110)

Arnd Kluge: Die deutsche Porzellanindustrie bis 1914 (Matthias Weber) (110–112)

Clemens Krauss: Geldpolitik im Umbruch. Die Zentralbanken Frankreichs und der Bundesrepublik Deutschland in den 1970er Jahren (Ralf Ahrens) (112–113)

Stefan Wedrac: Die Brauerei Zipf im Nationalsozialismus. Ein österreichisches Brauunternehmen zwischen NS-Kriegswirtschaft, V2-Rüstungsbetrieb und KZ-Außenlager (Richard Winkler) (114–115)

Rezensionsliste (115–117)
Impressum (120)

Kontakt:
Dr. Martin Münzel
c/o F. Hoffmann-La Roche AG
Redaktion „Archiv und Wirtschaft“
Bau 52/111
CH-4070 Basel
Tel.: (0049) (0)159-06825241
martin.muenzel@wirtschaftsarchive.de
www.wirtschaftsarchive.de/publikationen/archiv-und-wirtschaft

NRW-Landesinitiative Substanzerhalt fördert Stadtarchiv Porta Westfalica

Im Jahr 2021 hat sich das Stadtarchiv Porta Westfalica um eine Förderung beim LWL-Archivamt für Westfalen beworben und für 2022 Fördermittel erhalten. Der Sachgebietsleiter der Inneren Verwaltung Porta Westfalicas, Carsten Dierks, betont: „Die Förderung durch das Land ist Unterstützung und Signal zugleich, für die Bewahrung der Vergangenheit in unseren Archiven zu sorgen. Ich bin sehr froh darüber, dass Abteilungsleiterin Susanne Sieker und Jörg Bambach sich so engagiert um unser historisches Stadtarchiv kümmern. Sie haben sehr viel in Bewegung gebracht.“


Abb.: Jörg Bambach, Restauratorin Sabrina Heumüller, Carsten Dierks und Susanne Sieker bei der Begutachtung der Akten im Stadtarchiv Porta Westfalica (Foto: Stadt Porta Westfalica)

Das LWL-Archivamt für Westfalen ist zuständig für die organisatorische Durchführung der vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen im Jahr 2006 gestarteten Landesinitiative zum Substanzerhalt historischen Archivguts. Die Fachkräfte des Teams des Archivamtes beraten Archive in Entsäuerungsfragen, koordinieren die Aufträge zur Restaurierung des Archivguts und betreuen das gesamte Verfahren fachlich und organisatorisch. Gefördert werden Massenentsäuerung, Reinigung und Dekontamination, sachgerechte Verpackung und Restaurierungsmaßnahmen.

Zum Substanzerhalt des Stadtarchivs Porta Westfalica stellt Restauratorin Sabrina Heumüller fest: „Die Ortsbesichtigung im Mai 2021 hat ergeben, dass die Räumlichkeiten des Stadtarchivs der Stadt Porta Westfalica geeignet sind für die Lagerung des Archivguts. Das ist eine Voraussetzung für die Förderung. Wir planen im Zeitraum von etwa 5 Jahren ca. 800 Kartons mit Archivakten aus den Jahren 1850 bis 1970 durch Reinigung und Entsäuerung zu konservieren. Die Archivalien sind derzeit noch in einem guten Zustand, so dass die Entsäuerung nach der Reinigung problemlos möglich ist.“

Die Fördermittel können jährlich beantragt werden. Für 2022 erhält die Stadt Porta Westfalica insgesamt 1.900 Euro, die Stadt finanziert den Substanzerhalt in diesem Jahr mit 5.000 Euro, damit stehen 6.900 Euro zur Verfügung. Mit diesen Mitteln werden 380 kg Akten bzw. rund 120 Aktenkartons entsäuert und neu verpackt. In der Förderung enthalten ist die Dekontaminierung, Reinigung und Neuverpackung von 5 schimmelverdächtigen Akten. Die ersten Kartons wurden am 1.6.2022 abgeholt, der Rest am 29.6.2022.

Susanne Sieker: „Wir haben mit einer wichtigen, unaufschiebbaren Arbeit begonnen. Wenn wir jetzt nicht handeln, besteht die Gefahr, dass sich die Archivakten aufzulösen beginnen durch den Säuregehalt und durch Verschmutzung.  Die fachliche und organisatorische Unterstützung aus dem LWL-Archivamt für Westfalen ist sehr umfassend, wofür ich sehr dankbar bin.“

Link: https://www.lwl-archivamt.de/de/bestandserhaltung_notfaelle/lise/

Kontakt:
Stadtarchiv Porta Westfalica
Kempstraße 1
32457 Porta Westfalica
Tel.: +49 571 791-341
stadtarchiv@portawestfalica.de

Quelle: Stadt Porta Westfalica, Pressemitteilung, 29.6.2022

Nachlass jüdischer Holocaust-Opfer fürs Stadtarchiv Regensburg

Das Stadtarchiv Regensburg wird um einen Schatz reicher. Als Schenkung erhält das Gedächtnis der Regensburger Stadtgesellschaft einen Koffer, der über sieben Jahrzehnte hinweg unbeachtet auf einem Dachboden im niederbayerischen Hauzenberg lag. Darin befinden sich persönliche Unterlagen der jüdischen Regensburger Familien Brandis und Holzinger, die während der NS-Zeit enteignet und 1942 ins jüdische Ghetto Piaski (Generalgouvernement, heute Polen) deportiert wurden. Die Familie Brandis besaß zuvor in der Regensburger Maximilianstraße ein großes Textilgeschäft.


Abb.: Im Koffer befinden sich auch Reise-Pässe und Geburtsurkunden der deportierten Familie (Foto: Bilddokumentation Stadt Regensburg)

Vor ihrer Deportation hinterlegten die Familien einen großen Lederkoffer mit verschiedenen Familien- und Geschäftsdokumenten offenbar bei ihrer Angestellten Fanny Hartl, die die Unterlagen für sie verwahren sollte. Zu einer Rückgabe kam es aufgrund des Todes aller deportierten Familienmitglieder aber nicht mehr.

Der Koffer mit dem geschichtlich wertvollen Inhalt überdauerte den Krieg und verblieb auf einem Dachboden in Hauzenberg, wo ihn der BR-Journalist und Autor Thomas Muggenthaler schließlich nach längerer Recherche aufspürte (siehe seinen Bericht im BR).

Mit der heutigen Eigentümerin Jutta Koller, einer Nichte Fanny Hartls, war sich Muggenthaler schnell einig, dass der Koffer samt Inhalt als einmaliges Zeugnis der jüdischen Regensburger Geschichte an das Regensburger Stadtarchiv abgegeben werden sollte, damit die Dokumente für künftige Generationen erhalten und für die Öffentlichkeit aufgearbeitet werden können. Neben Geschäftsunterlagen, Briefen, Postkarten und privaten Familienfotos befinden sich unter anderem auch zwei Schreiben von Alice Brandis an Fanny Hartl aus Piaski im Koffer. In diesen bitte sie Fanny darum, ihnen Lebensmittel, Wäsche und Zahncreme ins Ghetto zu schicken.


Abb.: Zwei Schreiben von Alice Brandis an Fanny Hartl aus dem Ghetto mit der Bitte um Lebensmittel und Dinge für den täglichen Gebrauch (Foto: Bilddokumentation Stadt Regensburg)

„Solche Unterlagen aus privater Hand, die überraschend zu uns kommen, sind für das Stadtarchiv ein echter Glücksfall. Sie ergänzen auf geradezu ideale Weise das bereits digitalisierte Archiv der jüdischen Gemeinde“, so Archivleiter Lorenz Baibl.

Nach der Befreiung des Ghettos wurde das Unfassbare bald Gewissheit. Die Familie Brandis hatte, als es noch möglich gewesen wäre, zu lange gezögert auszuwandern. Offenbar versuchte Hedi Rossmann, eine Freundin von Alice Brandis, noch 1941 die Familie in die USA zu holen. In einem Brief, der ebenfalls in diesem Koffer liegt, schreibt Hedi Rossmann 1947 an Fanny Hartl:

Nach langen Mühen war es mir gelungen, eine Bürgschaft für alle Brandis aufzutreiben – man findet nicht leicht jemand, der für sechs Personen gutsteht, dass sie dem Staat nicht zur Last fallen werden. Es war aber leider zu spät – der Krieg kam, die Verbindung war abgeschnitten. Mir war es auch eine Hoffnung gewesen, dass man vielleicht durch irgendein Wunder wenigstens von diesen lieben, so herzensguten Menschen etwas hören würde – aber nun ist so viel Zeit verstrichen, dass man wohl die Hoffnung aufgeben muss.

Auch bei den Verwandten der Familie Brandis ist die Hoffnung auf ein Wiedersehern bald geschwunden. 1947 schrieb Neffe Ernst Holzinger, der mit seinen beiden Schwestern noch emigrieren konnte, aus Tel Aviv an Fanny Hartl nach Hauzenberg:

Über die Familie Brandis haben wir leider nie mehr wieder etwas gehört und die Hoffnungen sind geschwunden, denn jeder Gerettete hat einen Weg gefunden, sich irgendwo zu melden. Es ist eine sehr traurige Angelegenheit. Lotte wäre jetzt 21 Jahre alt, was für eine Pracht von einem Mädel. Wir dürfen alle nicht daran denken.

Ernst Holzinger hat Fanny Hartl nach dem Krieg ein paarmal in Niederbayern besucht, aber den Koffer, den Jutta Koller nun dem Regensburger Stadtarchiv übergeben hat, hatte er nie mitgenommen.

Geplant ist, den Koffer samt Inhalt im Stadtarchiv Regensburg aufzubereiten und künftig in der Archivpädagogik und historischen Bildungsarbeit einzusetzen. „Mit diesen Dokumenten lassen sich persönliche Schicksale während der NS-Zeit ganz plastisch vermitteln und so auch neue Zugänge für Schülerinnen und Schüler eröffnen“.

Kontakt:
Stadtarchiv Regensburg
Runtingerhaus
Keplerstraße 1
93047 Regensburg
Telefon (0941) 507-1452
Fax (0941) 507-4458
stadtarchiv@regensburg.de

Quelle: Lorenz Baibl und Claudia Biermann: Ein Koffer voller Erinnerungen, in: regensburg 507 – das Online-Magazin aus dem Rathaus, 30.6.2022; Thomas Muggenthaler: Koffer der jüdischen Familie Brandis an Stadtarchiv übergeben, in: „Hier ist Bayern“ BR24 Newsletter, 29.6.2022 (Sendung: Regionalnachrichten aus der Oberpfalz vom 29.06.2022 – 15:00 Uhr); Stolpersteine Regensburg: Familie Brandis – Maximilianstraße 16

Netzwerk Erinnerungskultur trifft sich in Verden

Wie lassen sich Schülerinnen und Schüler vor Ort für Geschichte begeistern? Dieser zentralen Frage will das Netzwerk Erinnerungskultur im Landkreis Verden anhand positiver Beispiele nachgehen. Dazu trifft sich das Netzwerk am Montag, 4. Juli 2022, von 11 bis 13 Uhr im Kreistagssaal des Landkreises Verden.

„Die Corona-Pandemie und die sie begleitenden Einschränkungen ließen im vorigen Jahr leider kein Netzwerktreffen zu. Umso schöner, dass es dieses Jahr wieder möglich ist“, freut sich der Verdener Kreisarchivar Dr. Florian Dirks.

Die diesjährige Veranstaltung wird inhaltlich zweigeteilt sein: Im ersten Teil stellt das Projektteam um die Direktorin des Stadtarchivs Bremerhaven, Dr. Julia Kahleyß, den „Tag der stadthistorischen Bildung Bremerhaven“ vor. Im zweiten Teil präsentiert eine Schul-AG des Domgymnasiums Verden unter der Leitung von Teodora Wagenknecht ihre Schule als Ort der Diktatur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Veranstaltung richtet sich an die interessierte Öffentlichkeit. Aufgrund des beschränkten Platzangebots im Kreistagssaal wird um Anmeldung unter Erinnerungskultur@landkreis-verden.de oder Telefon (04231) 15-312 (vormittags) gebeten. Im Kreishaus gilt FFP2-Maskenpflicht bis zur Einnahme des Platzes.

Kontakt:
Netzwerk Erinnerungskultur im Landkreis Verden
Lenkungsgruppe
Kreisrätin Regina Tryta, Tel. 04231 15-223
Dörte Lübkemann, Fachdienst Kultur, Tel. 04231 15-313
erinnerungskultur@landkreis-verden.de

Kreisarchiv Verden
Lindhooper Straße 67
27283 Verden (Aller)
Tel.: 04231 15-0 (Zentrale)
Fax: 04231 15-603 (Kreishaus)
kreisarchiv@landkreis-verden.de

Quelle: Landkreis Verden, Pressemitteilung, 28.6.2022

Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. feiert Jubiläum

Im Mai 1991 hat sich der Verein „Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.“ (ABL), gegründet. War die Arbeitsweise anfangs durch sehr viel Spontanität und Improvisation geprägt, so hat sich das ABL in den letzten 31 Jahren zu einem professionellen Archiv für Zeitgeschichte entwickelt. Da die Jubiläumsfeier 2021 aufgrund der Pandemie nicht stattfinden konnte, wird sie in diesem Jahr unter dem Motto „30+1“ nachgeholt. Mit einer Ausstellung, einer Jubiläumsfeier und verschiedenen Veranstaltungen noch bis zum 7.7.2022 will das ABL mit seinen Gästen ins Gespräch kommen.

Seit der Vereinsgründung 1991 sammelt das Archiv die hinterlassenen Selbstzeugnisse der DDR-Opposition, der Bürgerbewegung und der in den Jahren 1989/90 entstandenen Initiativen und Parteien, um diese zu sichern, dauerhaft aufzubewahren, zu erschließen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Archiv hat bereits mehrere tausend Aktentitel archiviert und erschlossen, mit denen die erste Artikulierung des politischen Protestes, Ursachen und Verlauf der Friedlichen Revolution und das Entstehen demokratischer Strukturen umfassend belegt werden. Mit der Sammlung des entsprechenden Schrift-, Bild- und Tongutes strebt das Archiv die Bildung möglichst vollständiger Überlieferungen zu Einzelpersonen und Gruppen der DDR-Opposition, zu Bürgerbewegungen und zu den im Herbst 1989 neu entstandenen Parteien und Initiativen an.


Abb.: Menschenansammlung und Demonstration vor der Leipziger Nikolaikirche, die durch Einsatz der Volkspolizei aufgelšst wird. Bildauschnitt (Foto: ABL)

Der Archivbestand umfasst zurzeit ca. 250 lfm Archivgut. Weiterhin verfügt das Archiv über größere Bestände an Samisdatschriften, Zeitungen und Zeitschriften, Zeitungsausschnitten sowie Video- und Tonkassetten und über 2.700 Bücher und Schriften von Aufarbeitungsinitiativen. Die Fotosammlung ist in den letzten Jahren auf über 21.000 Fotos von über 30 Fotografen angewachsen.

Zur derzeitigen Jubiläumsfeier lädt das AB seit dem 21. Juni bis 7. Juli 2022 in die Galerie KUB (Kantstraße 18, 04275 Leipzig) ein.

Kontakt:
Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.
(Haus der Demokratie)
Bernhard-Göring-Str. 152
04277 Leipzig
Telefon: (0341) 30 65 175
info@archiv-buergerbewegung.de
https://www.archiv-buergerbewegung.de/

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 10 bis 16 Uhr

Buchmalerei von Albrecht Dürer in Landesbibliothek Oldenburg entdeckt

Die fantasievolle, farbige Miniatur mit zwei Putten auf delfinartigen Meerestieren und einem Wappen in der Mitte ist nur knapp 16 cm breit und 6,5 cm hoch – und doch eine Entdeckung von außergewöhnlicher Größenordnung. Das Kunstwerk stammt von keinem Geringeren als dem bedeutendsten deutschen Künstler der Hochrenaissance: Albrecht Dürer der Jüngere. Ein spektakulärer Fund, der über 230 Jahre unerkannt im Bestand der Landesbibliothek Oldenburg schlummerte.

Die Miniatur ziert die erste Seite eines griechischen Textes, der 1502 von Aldus Manutius (1449-1515) in Venedig gedruckt wurde. Im Rahmen eines Forschungsprojekts zur Aldinen-Sammlung der Landesbibliothek Oldenburg konnte das Buch jetzt anhand des Wappens der Büchersammlung des berühmten Nürnberger Humanisten Willibald Pirckheimer (1470-1530) zugeordnet werden. Mehr noch: Es gelang, den Oldenburger Band zweifelsfrei als eines von 14 kostbaren Büchern zu identifizieren, die 1634 von den Erben Pirckheimers an einen holländischen Sammler verkauft wurden. Der Preis war hoch, denn alle diese Bücher enthielten auf der Titelseite eine eigenhändige Buchmalerei von Albrecht Dürer (1471-1528). Nur sechs waren bisher bekannt. Die Oldenburger Buchmalerei ist in der historischen Quelle von 1634 exakt beschrieben und damit die siebte Dürer-Miniatur aus dieser Reihe, die wiederentdeckt wurde. Auch über die Geschichte des Buches nach 1634 gibt es Erkenntnisse der beteiligten Wissenschaftler Sven Behnke M.A., Dr. Matthias Bley, Dr. Matthias Bollmeyer und Prof. Dr. Detlef Haberland.


Abb.: Die Dürer-Miniatur und weitere Forschungsergebnisse wurden am 21.6.2022 vom niedersächsischen Wissenschaftsminister Minister Björn Thümler und von Projektleiter Prof. Dr. Detlef Haberland der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Buch mit der Dürer-Miniatur ist noch bis zum 16.7.2022 in der Landesbibliothek Oldenburg zu sehen. – Im Bild von links nach rechts: Dr. Matthias Bley, Bibliotheksdirektorin Corinna Roeder, Minister Björn Thümler,Prof. Dr. Detlef Haberland, Dr. Matthias Bollmeyer, Sven Behnke M.A. (Foto: Landesbibliothek Oldenburg).

„Der sensationelle Fund der Dürer-Miniatur in der Landesbibliothek Oldenburg beweist, dass wir in Niedersachsen außerordentlich hochkarätige Sammlungen beherbergen und zeigt, welche unentdeckten Schätze in unseren Bibliotheken schlummern. Hier liegt noch viel Potenzial beispielsweise für Forschungskooperationen von Bibliotheken und Hochschulen“, so Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler. „Mit dem Programm Pro*Niedersachsen – Kulturelles Erbe – Sammlungen und Objekte fördert das Land gezielt die Erforschung der Kulturschätze Niedersachsens. Das Aldinen-Projekt belegt anschaulich, dass wir mit dem Forschungsprogramm auf dem richtigen Weg sind und neue Impulse geben, um unsere kulturellen Überlieferungen in Niedersachsen zu erschließen, zu erforschen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“

Im Rahmen des Pro*Niedersachsen-Projekts »Antiken-Rezeption und späthumanistisch aufgeklärte Kennerschaft: Georg Friedrich Brandes als Sammler von Drucken der Offizin des Venezianers Aldus Manutius« werden seit Oktober 2020 erstmals sämtliche 263 Aldinen der Landesbibliothek Oldenburg systematisch erschlossen und wissenschaftlich beschrieben. Die meisten von ihnen stammen aus der Büchersammlung des hannoverschen Beamten Georg Friedrich Brandes (1719-1791), die Herzog Peter Friedrich Ludwig 1790 für Oldenburg ankaufte. „Aldus Manutius war hochgebildet und führte in seinem Verlag humanistische Gelehrsamkeit und Innovation mit handwerklichen und ästhetischen Spitzenleistungen zusammen. Daher wurden seine Drucke schon von Zeitgenossen aus wissenschaftlichen und bibliophilen Interessen sehr geschätzt“, sagt Projektleiter Prof. Dr. Detlef Haberland. „Da sich Pirckheimer zwischen 1502 und 1505 der Übersetzung einer Reihe von griechischen Texten ins Lateinische widmete, hat er vermutlich in dieser Zeit auch den griechischen Druck aus der Offizin von Aldus Manutius erworben“, so Haberland.

Die Miniatur kann erst nach 1504, dem Todesjahr von Pirckheimers Ehefrau, in das Buch gemalt worden sein, weil ihr Wappen dort fehlt. Dass die Buchmalerei tatsächlich eigenhändig von Dürer ausgeführt wurde, sei aufgrund seiner persönlichen Freundschaft mit Pirckheimer, der glaubwürdigen historischen Quelle und der bisherigen Forschungen zu den Miniaturen in den Büchern der Pirckheimer-Sammlung sehr wahrscheinlich. Eine vergleichende kunsthistorische Untersuchung stehe aber noch aus, wie Sven Behnke M.A. und Dr. Matthias Bollmeyer betonen.

Das Schicksal der Oldenburger Dürer-Aldine nach dem Verkauf aus der Pirckheimerschen Sammlung 1634 ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht lückenlos erforscht. In der Mitte des 18. Jahrhunderts befand sie sich nach Recherchen von Dr. Matthias Bley in der Bibliothek von Hieronymus de Wilhem, einem Geistlichen aus einer sehr wohlhabenden Amsterdamer Kaufmannsfamilie, und erhielt wohl in seinem Auftrag zwischen 1747 und 1752 in der Leidener Necklace-Bindery einen prächtigen Einband aus rotem Maroquinleder mit Goldprägungen. 1769 ersteigerte Georg Friedrich Brandes den Band auf einer großen Buchauktion in Den Haag für 9 Gulden und 10 Stuiver. Zusammen mit seiner gesamten Bibliothek kam das Buch dann nach seinem Tod 1791 nach Oldenburg und wurde Teil der 1792 eröffneten Herzoglichen öffentlichen Bibliothek, der heutigen Landesbibliothek. Dort blieb die besondere Herkunft bis 2021 unerkannt. Bereits vor der Mitte des 18. Jahrhunderts waren das Wissen über Albrecht Dürer als Künstler der Miniatur und über die Zugehörigkeit zur Bibliothek von Willibald Pirckheimer verloren gegangen.

Ein wissenschaftlicher Aufsatz erscheint am 25.6.2022 im Gutenberg-Jahrbuch 2022:
Sven Behnke, Matthias Bley, Matthias Bollmeyer, Detlef Haberland:
Die illuminierte Polydeukes-Ausgabe aus der Bibliothek von Willibald Pirckheimer (Aldus Manutius 1502). Ein Fund in der Landesbibliothek Oldenburg, S. 163-190.


Abb.: Forschende entdecken mögliches Dürer-Bild in Landesbibliothek, in: NDR, Hallo Niedersachsen, 22.6.2022, 19:30 Uhr 

Öffentlich zu sehen ist die Dürer-Miniatur im Rahmen der Ausstellung:
Buchschätze der venezianischen Renaissance aus der Offizin des Aldus Manutius
Kabinettausstellung, 22.06. – 16.07.2022 und 15.09. – 15.10.2022, Landesbibliothek Oldenburg

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10.00-19.00 Uhr, Samstag 9.00-12.00 Uhr. Der Eintritt ist frei

Kontakt:
Landesbibliothek Oldenburg
Pferdemarkt 15
26121 Oldenburg
Tel.: 0441 / 505018-0
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Quelle: Landesbibliothek Oldenburg, Pressemitteilung, 21.6.2022