Film über die Bombardierung Schaffhausens wiederentdeckt

Die Filmrolle lag während Jahren unbeachtet im Stadthaus, kam dann in ein Depot des Stadtarchivs Schaffhausen, wo sie Archivar Peter Scheck jetzt reaktivierte und in eine für den PC kompatible DVD-Fassung brachte (Link). Gedreht wurde der wiederentdeckte Tonfilm vom Luftschutzamt des Eidgenössischen Militärdepartementes offenbar noch am Tag der Bombardierung am 1. April 1944 und primär vermutlich als Dokumentation und Instruktion für militärische Zwecke.

In einer eindrücklichen Abfolge von Aufnahmen werden brennende Häuser, rauchende Trümmer, Feuerwehrleute und Soldaten auf Leitern und an Schläuchen gezeigt, auch Bilder verängstigter und fassungsloser Bewohner. Vorab beim Museum, an der Beckenstube, am Herrenacker, im damaligen Industriequartier am Rhein in den Mühlenen und am Bahnhof muss die Verheerung, verursacht an jenem Ostersamstag durch ein amerikanisches Bombengeschwader, ungeheuer gewesen sein. In den ersten Stunden nach dem Bombenabwurf herrschte wohl ein unvorstellbares Chaos, das sich aber – auch gemäss dieser bisher noch nie veröffentlichten Bilder – schnell gelegt hat und einer disziplinierten und erstaunlich besonnenen ersten Hilfe Platz machte.

Wucht der Sprengbomben

Die offensichtlich auch Tage danach noch in der Altstadt weilende Filmequipe hat diesen Einsatz in überwiegend professionellen und scharfen Aufnahmen festgehalten – Männer und Frauen, die bei Rettungs- und Aufräumungsarbeiten beherzt zupacken, auch eifrige Jugendliche, Pfadfinder, die beim schwer getroffenen Naturhistorischen Museum am Herrenacker ausgestopfte Tiere herumtragen. Mehrfach erwähnt der Sprecher des Films die immense Gewalt der 400 Brand- und Sprengbomben, die 45 Kilogramm schwer waren und beim Abwurf das Dach und das oberste Stockwerk eines Gebäudes (wie das Restaurant Thiergarten) durchschlugen und erst nach dem Einschlag explodierten. Die Bomben entwickelten schon damals eine ungemein zerstörerische Kraft, Schaffhausen hatte an diesem Schreckenstag 40 Todesopfer, 270 teilweise schwer Verletzte und 500 Obdachlose zu beklagen. Der Bombenabwurf, den auch Neuhausen und Feuerthalen zu spüren bekamen, legte selbst massiv gebaute Häuser teilweise in Schutt und Asche, so die damals gegenüber dem Kraftwerk gelegene Tuchfabrik – die dort vorhandenen Stahlkonstruktionen glühten nach einem Volltreffer und Vollbrand, verbogen sich unter der Hitze und fielen innert Sekunden wie ein Kartenhaus zusammen.

Aufgabe «geschickt gelöst»

Anfänglich hätte es den Leuten des Luftschutzes und der Feuerwehr vor allem an Wasser, auch am nötigen Leitungsdruck gefehlt, bemängelt der Kommentator des Films. Darüber hinaus lobt er aber die Einsätze und die vorbildliche Organisation der örtlichen Hilfskräfte. Sie hätten die Aufgabe «geschickt und zweckentsprechend gelöst», heisst es im Film. Und: Die Bevölkerung habe «das Leid tapfer getragen». Entscheidend in diesen Tagen war die überlegte Führung durch Stadtpräsident Walther Bringolf und Oberst Oscar Frey. Eine wichtige Rolle zur Bewältigung des Elends spielte neben den Ärzten und dem Pflegepersonal des Spitals hinter dem Bahnhof auch Els Peyer-von Waldkirch, die Leiterin der Obdachlosenfürsorge.

Anfrage aus Deutschland

Von der Bombardierung Schaffhausens existieren neben schriftlichen Berichten zahlreiche Fotos, auch Luftaufnahmen des Militärs sowie ein – allerdings nur bedingt aussagekräftiger – kurzer Amateurfilm und Zusammenschnitte aus alten «Kino-Wochenschauen». Von einem dramaturgisch aufgebauten Film in der Länge und Qualität, wie er jetzt vom Stadtarchiv vorgefunden wurde, war aber bisher nichts bekannt. Die Entdeckung machte Archivar Peter Scheck nach einer kürzlich erfolgten Anfrage einer deutschen Fernsehanstalt, die Material für eine Sendung über den Zweiten Weltkrieg suchte. Fast zeitgleich interessierte sich auch das Schweizer Fernsehen; der Sender wird den Film oder Ausschnitte davon voraussichtlich im März ausstrahlen.

Den Historikern wird das Dokument kaum neue Erkenntnisse liefern. Als beeindruckendes Zeugnis der für Schaffhausen unvergesslichen Stunden und Tage dürfte der Film trotzdem auf grosses Interesse stossen.

Die Bombardierung Schaffhausens kurz vor 11 Uhr am 1. April 1944 dauerte nur gerade 40 Sekunden – und machte der hiesigen Bevölkerung überdeutlich, wie grausam Krieg sein kann. In der Stadt zählte man auf einen Schlag mehr als 50  Grossbrände.

Die Amerikaner entschuldigten sich damals umgehend für den verheerenden Luftangriff, richteten später auch Entschädigungen aus; die Stadt erhielt für öffentliche und private Schäden 40 Millionen, der Kanton zusätzlich 14 Millionen Franken. Während anfänglich Zweifel bestanden, steht heute für die Experten und vorab die Historiker fest: Die Bombardierung durch die amerikanischen Piloten erfolgte irrtümlich.

Kontakt:
Stadtarchiv Schaffhausen
Fronwagplatz 24
CH-8200 Schaffhausen
Tel. Sekretariat ++41 52  632 52 32 
Fax ++41 52  632 52 31

Quelle: SHN, 15.1.2004

Ausstellung in HH-Altona erinnert an jüdische Fotografen

Als der Hamburger Fotograf Emil Bieber im Januar 1938 an Bord eines Schiffes nach England geht, hinterläßt er in Hamburg unter anderem eine Kundenkartei mit achttausend Einträgen sowie sein Archiv mit fünfzigtausend Glasnegativen. Darunter Portraits des Polarforschers Roald Amundsen, des Erfinders Thomas Alva Edison oder der Tänzerin Josephine Baker. Von London aus versucht er, wenigstens einen Teil seiner Geschäftsgrundlage zu retten. Vergeblich. Der neue Besitzer der nun „arisierten“ so genannten Lichtbildwerkstätte stellt sich seinen Kunden mit Deutschem Gruß vor. Ein – wie es immer heißt – Schicksal, das Bieber mit seinen Hamburger Kollegen Max Halberstadt, Erich Kastan und Kurt Schallenberg teilt. Auch sie werden zwischen 1935 und 1938 zur Emigration und damit zur Aufgabe ihrer jeweiligen Fotoateliers gezwungen. Nun sind einige ihrer Werke zurück an die Elbe gekehrt – von der ambitionierten Portraitfotografie über die gebrauchsorientierte Zeitungsreportage; von der engagierten Dokumentationen jüdischen Lebens bis hin zur schnöden Werbefotografie –, versammelt in einer Ausstellung im Altonaer Museum im Westen Hamburgs.

Alles begann Anfang der neunziger Jahre mit der Recherche nach einzelnen Fotos und deren Urheber. Der Historiker Wilfried Weinke hatte in einer Publikation zu jüdischem Leben im Hamburger Grindelviertel Fotos abgedruckt, deren Legenden fehlten. Weinke machte sich auf die Suche. Auf seinem Aufruf an ehemalige Hamburger Bürger jüdischer Herkunft antworteten weltweit rund einhundertzwanzig der Angeschriebenen, gaben Tips, erwähnten weitere Namen oder schickten gar persönliche Bilder aus ihren Familienalben nach Hamburg. Unter anderem kam ein Brief aus Südafrika, in dem eine Frau etwas süffisant fragte, ob Weinke eigentlich die Fotoarbeiten ihres Vaters kenne, der einst auch in Hamburg ein Fotostudio unterhalten und etwa seinen Schwiegervater Sigmund Freud portraitiert hatte: Max Halberstadt.

Wilfried Weinke hat nun mit Verdrängt, vertrieben, aber nicht vergessen alles andere als eine gefällige und leichtgängige Fotoausstellung abgeliefert, bei dem man mit auf dem Rücken verschränkten Händen die Bilder abschreitet und sich allein an den gehobenen Schätzen erfreut. Vielmehr setzt er sein Unternehmen der Würdigung des fotografischen Werkes Biebers, Halberstadts, Kastans und Schallenbergs in einen Kontext mit der Geschichte ihrer Ausgrenzung und ihres Vergessens, die sich in ihrer Heimatstadt Hamburg auch nach 1945 fortsetzte. Das Hamburger Abendblatt etwa druckte Ende der fünfziger Fotografien von Emil Biebers – ohne die Geschichte dieser Bilder zu erzählen. Von Biebers „Wahlheimat“ Südafrika ist die Rede, so als sei der Fotograf seinerzeit freiwillig aus Hamburg ausgewandert, um anderswo sein Glück zu machen. Dokumente dieser Zeitungsausgaben finden sich daher neben Auskünften zu Biebers weiterem Lebensweg. Ein Prinzip des Gegeneinanderstellens, dem die Ausstellung verpflichtet bleibt. Neben Auftragsarbeiten für das gehobene Bürgertum finden sich gleichberechtigt die biographischen Daten zu den vier Fotografen. Zeitungsdrucke haben ebenso ihren Platz wie herausragende Exponate, die von den beruflichen Erfolgen und dem sozialen Status der vier erzählen. Da finden sich von Bieber gestaltete Titelblätter der Theaterzeitung der Hamburger Kammerspiele. Und da ist das Faksimile des Telegramms Kaiser Wilhelms II. an Bieber, sich doch bitte die Tage vom 7. bis 9. August 1908 bereitzuhalten, um seine Majestät abzulichten – womit ansatzweise die persönliche Tragik eines Menschen deutlich wird, der im Alter von sechzig Jahren und auf die Unterstützung seiner Söhne angewiesen, noch einmal im fernen Südafrika von vorne anfangen mußte. Das Schreiben der Hamburger Handwerkskammer, das Kurt Schallenberg im Dezember 1938 unmißverständlich auffordert, seinen Betrieb zu schließen, wird kontrastiert durch Schallenbergs Portraitreihe Hamburger Bürgermeister.

Ermöglicht wurde die Ausstellung durch Mittel der Hamburger Bürgerschaft, der Senatskanzlei sowie der Herbert und Elsbeth Weichmann Stiftung. Möglich wurde sie aber vor allem durch das Engagement des Ausstellungsmachers Wilfried Weinke, der sich durch Archive und Antiquariate wühlte und der die Ausstellung als eine Art Zwischenbilanz, als Diskussionsangebot verstanden wissen will, sich mit der bis heute weitgehend verschütteten Geschichte (nicht nur) Hamburger Fotografen und Fotografinnen zu beschäftigen. Durchaus pikant das Schweigen eines anderen einflußreichen Hamburger Fotografen, auf das Weinke hinweist: Fritz Kempe. Zunächst tätig als Fotograf einer Propagandakompanie, leitete er später die Staatliche Landesbildstelle Hamburg und war zuletzt ehrenamtlicher Kustos beim Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Kempe prägte so die Sammlungs- und Ausstellungspolitik beider Häuser – in denen die Werke der einstigen jüdischen Kollegen verschwiegen wurden.

Die Tatsache, daß in Altona, das so lange versuchte, sich als eigenständiger Ort gegenüber der Hansestadt Hamburg zu behaupten, nun Bieber, Halberstadt, Kastan und Schallenberg in dieser Breite und Ausführlichkeit vorgestellt und gewürdigt werden, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Keiner der vier Fotografen hat je in Altona gelebt.

Info:
Die Ausstellung im Altonaer Museum endet am 12. April.
WILFRIED WEINKE: VERDRÄNGT, VERTRIEBEN ABER NICHT VERGESSEN
Kunstverlag Weingarten 2003.
304 Seiten, 29 €

Kontakt:
Altonaer Museum
Museumstraße 23
22765 Hamburg

Quelle: Jüdische Allgemeine, 15.1.2004

Viele Nagolder Dokumente restauriert

Ein Viertel der historischen Dokumente im Nagolder Stadtarchiv mussten vergangenes Jahr restauriert werden, nachdem Schimmel die papiernen Zeitzeugen angegriffen hatte. Ursache für den Schimmelbefall ist nach Einschätzung von Herma Klar, die für das Archiv verantwortlich zeichnet, der feuchte Sommer im Jahr 2002. Die Klimaanlage habe es wohl nicht mehr geschafft, die Raumfeuchtigkeit und -temperatur nach Vorgabe zu regeln.

Kontakt:
Stadtarchiv Nagold
Badgasse 3
72202 Nagold
Tel.: (07452) 681282
Fax: (07452) 681122

Quelle: Pforzheimer Zeitung, 15.1.2004.

Frauenstadtarchiv Dresden widmet sich Traute Richter

Das Frauenstadtarchiv Dresden lädt auch 2004 zu Vorträgen, Lesungen und Foren ins Stadtarchiv, Elisabeth-Boer-Straße 1, ein. Die erste Abendveranstaltung am 28. Januar ist der Dresdner Schauspielerin Traute Richter (1924-1986) gewidmet, die in vier Jahrzehnten mit ihrer Gestaltung großer Frauengestalten der deutschen Klassik Publikum und Kritik überzeugte. Sie, die schon vor dem Krieg das „Gretchen“ spielte, war später am Dresdner Staatsschauspiel als Lady Milford, Lady Macbeth, Minna von Barnhelm zu erleben.

Ihre Frau von Stein in der Inszenierung „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ ging in die Dresdner Theatergeschichte ein. Traute Richter war darüber hinaus aber auch eine gewissenhafte Protokollantin. Sie hinterließ über 2 000 Briefe aus denen sich ein Zeitbild von den Kriegsjahren bis in die Endzeit der DDR erschließt. Die Briefe veranschaulichen die Situation des schöpferischen Menschen im Spannungsfeld zwischen Mündigkeit und Abhängigkeit. Der Schriftsteller und Schauspieler Peter Biele vereinte 1996 in zwei Bänden den brieflichen Nachlass von Traute Richter. Am 28. Januar wird er aus diesen Briefen lesen (19 Uhr, freier Eintritt).

Das Jahresprogramm zur Vortragsreihe „Frauen(-)wirken in Dresden“ ist ab 15. Januar im Rathaus, Dr.-Külz-Ring 19, im Frauenbildungszentrum, im Stadtarchiv, im Kulturamt und in den Ortsämtern kostenfrei erhältlich.

Kontakt:
Frauenstadtarchiv Dresden
c/o Stadtarchiv Dresden
Elisabeth-Boer-Straße 1
01099 Dresden  
Telefon: 0351/488-1517
E-mail: NSchoenherr@dresden.de 
http://www.frauenstadtarchiv.de/

Quelle: Sächsische Zeitung, 14.1.2004

Rathenau-Nachlass verbleibt in Moskau

Russland will das Archiv von Walther Rathenau nun doch nicht an die Bundesrepublik zurückgeben. Man betrachte, so heißt es in einem Schreiben des Moskauer Außenministeriums an das Auswärtige Amt, den Nachlass als Teil der „kompensatorischen Restitution“ für Kriegssschäden. Die Unterlagen wurden zu staatlichem Eigentum erklärt.

Noch im vergangenen Jahr hatte der russische Kulturminister Michael Schwydkoi die Rückgabe in Aussicht gestellt. Eine Stellungnahme der Kulturstaatsministerin Christina Weiss liegt noch nicht vor.

Wie der „Spiegel“ berichtet, hat ein hoher Regierungsbeamter das Vorgehen der russischen Regierung als Verstoß gegen deutsch-russische Verträge zur Rückführung von Beutekunst bezeichnet. Die Note aus Moskau, in der Deutschland als „ehemaliger Feindstaat“ bezeichnet wird, stelle zudem einen Bruch des Völkerrechts dar. Walther Rathenau war u.a. Außenminister des Deutschen Reiches und hatte 1922 in Rapallo den deutsch-russischen Vertrag geschlossen.

Quelle: FAZ, 13.1.2004, 33.

Ausstellung über Johann Moritz von Nassau-Siegen

Langsam nimmt sie mehr und mehr Gestalt an: die große Ausstellung über den wohl bedeutendsten Fürsten des Siegerlandes: Johann Moritz von Nassau-Siegen. Aus Museen und Archiven fünf verschiedener Länder, aus allen Teilen Deutschlands, Niederlande, Frankreich, Belgien und Dänemark rollen die Lieferwagen an. Sie sind beladen mit Portraits, Gemälden, Stichen, Modellen, Zeichnungen, Büchern, Schriftstücken, aber auch mit handfesten Objekten des Militärwesens (Rüstungen und Waffen). Insgesamt umfasst die bedeutende Präsentation, die in ihrer Zusammenstellung einmalig ist, über 300 teils sehr wertvolle Exponate, die vom 16. Januar bis zum 29. Februar zu sehen sein werden.

An beiden Ausstellungsorten, dem Siegerlandmuseum im Oberen Schloss und dem Museum für Gegenwartskunst arbeitet seit einer Woche ein 20-köpfiges Team mit Hochdruck am Aufbau der Präsentation aus Anlass des 400. Geburtstages des Landesfürsten. Renommierte Museen und Archive entsenden Leihgaben nach Siegen: unter anderem das Mauritshuis (Den Haag), die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Berlin), das Königliche Museum (Brüssel), die Gemäldegalerie Alte Meister (Dresden). Sogar mit dem Louvre in Paris haben die Initiatoren der Johann Moritz Gesellschaft und des Instituts für Europäische Regionalforschungen der Universität Siegen (IFER) Kontakt aufgenommen. So kommt ein Gemälde des niederländischen Malers Frans Post, der Johann Moritz einst nach Brasilien begleitete, von der Seine an die Sieg.

Das Wirken des Siegerländer Fürsten in Brasilien bildet einen Schwerpunkt der großen Präsentation über sein Lebenswerk. So sind neben Landschaftsgemälden (Post) und lebensnahen Portraits der Ureinwohner (Albert Eckhout) beispielsweise auch die prächtigen Urkunden zu sehen, mit denen Johann Moritz zum Generalgouverneur der Niederlande ernannt wurde. „Dieses wertvolle Ausstellungsstück haben wir erst auf den letzten Drücker bekommen“, erzählt Katja Happe (IFER). Eine Leihanfrage an das Königliche Hausarchiv in Den Haag sei von dort erst negativ beschieden worden. „Sie konnten die Originale nicht finden.“ Doch die Holländer gaben nicht auf und beförderten die Ernennungsurkunde dann doch noch zu Tage.

Solche und ähnliche Geschichten rund um die Vorbereitungen der großen Ausstellung könnten die Initiatoren en masse erzählen.

Quelle: Westfalenpost, 13.1.2004

Rumänischer Geheimdienst behindert Akteneinsicht

Trotz eines Gesetzes zur Öffnung der Archive wird die Aufarbeitung der Vergangenheit in Rumänien durch die Ex-Kommunisten erschwert. Oppositionelle fanden aber einen Weg, 1.500 Namen ehemaliger Mitarbeiter der Securitate zu veröffentlichen.

Als Marius Oprea nach Jahren des Wartens endlich seine Securitate-Akte einsehen konnte, staunte er nicht schlecht. Der 39-jährige Historiker vom Bukarester „Institut für Zeitgeschichte“ hatte einen Stapel dicker Aktenordner erwartet. Doch was er im April 2001 zu Gesicht bekam, waren ganze sechs Seiten. Dabei hat Oprea eine garantiert aktenträchtige Vergangenheit. Das erste Mal verhaftete ihn die Securitate im Sommer 1988. Da hatte er gerade sein Geschichtsstudium in Bukarest und einige illegale Aktionen hinter sich: Mit Kommilitonen hatte er heimlich Flugblätter gegen die Ceausescu-Diktatur verteilt. Nachdem die Securitate ihm und seinen Freunden auf die Spur gekommen war, musste er sich im Zwei-Wochen-Rhythmus beim Geheimdienst zu Verhören melden – bis zum Sturz des Diktators im Dezember 1989.

Die Erfahrungen mit dem Geheimdienst ließen Oprea nicht mehr los. Nach 1989 begann er die Geschichte der Securitate zu erforschen. Inzwischen ist er einer der prominentesten rumänischen Securitate-Experten. Sehr zum Missfallen ehemaliger Securitate-Offiziere, die heute in den Nachfolgegeheimdiensten arbeiten. Oprea ist sich sicher, dass seine Akte nahtlos weitergeführt wurde und er sie deshalb bis heute nicht einsehen kann. Er habe etwa erfahren, erzählt Oprea, dass er bei rumänischen Geheimdiensten als ausländischer Spion geführt werde – weil er des Öfteren mit der deutschen Gauck-Behörde zu tun hatte.

Opreas Fall ist beispielhaft dafür, wie Rumänien mit seiner Geheimdienstvergangenheit umgeht. Nach dem Sturz Ceausescus dauerte es allein zehn Jahre, bis das Parlament ein Gesetz zur Aktenöffnung verabschiedete. Zwar kann seit Frühjahr 2000 jeder rumänische und ausländische Bürger Einsicht in seine Securitate-Personalakte beantragen. Auch Historiker haben die Möglichkeit, die Akten von Ceausescus Geheimdienst zu Forschungszwecken zu studieren. In der Praxis jedoch stößt die Aktenöffnung bis heute auf Hindernisse. Nach dem Aktenöffnungsgesetz brauchen Personalakten mit Informationen, die die nationale Sicherheit Rumäniens berühren, nicht an die Betroffen ausgehändigt werden.

Tatsächlich mussten viele Betroffene feststellen, dass bei Einsicht umfangreiche Teile fehlten. Hinzu kommt, dass die Securitate-Archive nicht von der Aktenöffnungsbehörde (CNSAS) selbst verwaltet werden, sondern von den Nachfolgegeheimdiensten der Securitate, so vom Rumänischen Informationsdienst (SRI). Die Geheimdienste sind zwar gesetzlich verpflichtet, die Archive Stück für Stück dem CNSAS zu übergeben. Sie spielen jedoch auf Zeit. Knapp vier Jahre nach Beginn der Aktenöffnung verwaltet das CNSAS lediglich etwa 4 Prozent des gesamten Archivbestandes. Auch innerhalb der Behörde gibt es Konflikte. Ihr steht ein zwölfköpfiges Leitungsgremium vor, dessen Mitglieder vom rumänischen Parlament nach Parteienproporz entsandt werden. Monatelang erschienen im letzten Jahr die von der regierenden wendekommunistischen „Sozialdemokratischen Partei“ (PSD) eingesetzten Vertreter nicht zu Sitzungen des CNSAS-Leitungsgremiums. Mit der Folge, dass die Arbeit der Aktenöffnungsbehörde praktisch brachlag. Dabei ging es um weitreichende Entscheidungen – unter anderem darum, ob die Namen ehemaliger Securitate-Offiziere veröffentlicht werden können. Für die Regierungspartei ist das natürlich unangenehm, sind doch viele ihrer Mitglieder ehemalige Securitate-Mitarbeiter gewesen. Prominentestes Beispiel ist der PSD-Abgeordnete Ristea Priboi, dem vorgeworfen wird, Gegner der Ceausescu-Diktatur verhört und misshandelt zu haben. Mitte Oktober wurden nach langem Hin und Her erstmals 33 Namen ehemaliger Securitate-Offiziere veröffentlicht, Ende Dezember noch einmal 5 weitere.

Viele dieser Leute sind längst verstorben. „Nach vier Jahren 38 Securitate-Offiziere, davon ein Drittel tot – ein Hohn!“ Marius Oprea schüttelt den Kopf. Er glaubt nicht daran, dass die regierenden Wendekommunisten künftig mehr Offenheit zulassen werden. Deshalb hat Oprea zusammen mit Kollegen vom „Institut für Zeitgeschichte“ ein eigenes Projekt zur Veröffentlichung der Namen von Securitate-Offizieren ins Leben gerufen. Die Methode ist einfach: Oprea und seine Kollegen sprechen mit Leuten, die bereits Einsicht in ihre Akten erhalten haben, und schreiben aus deren Unterlagen die Namen von Securitate-Offizieren heraus. So kamen in den letzten Monaten rund 1.500 Namen zusammen. Mitte Dezember begann die rumänische Wochenzeitung Academia Catavencu mit der Veröffentlichung. „Wir werden das machen, solange wir Namen finden“, sagt Marius Oprea. „Wenn eine staatliche Institution wie die Aktenöffnungsbehörde in ihrer Arbeit absichtlich von der Politik behindert wird, dann muss eben die Zivilgesellschaft eingreifen.“

Quelle: taz Nr. 7255, 12.1.2004, 10

Des Soldatenkönigs blaue Kinder

„Sparen und Plusmachen“ war die Devise des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. In seiner Regentschaft von 1713 bis 1740 tilgte er die Schulden seines Vaters und häufte einen stattlichen Staatsschatz an. Die Wirtschaft kam in Schwung, der Handel gedieh. Nur die Musen mussten schweigen.

Um so intensiver kümmerte er sich um seine Soldaten. Während andere Monarchen Juwelen und Mätressen sammelten oder als Bauherren glänzten, hielt der Soldatenkönig nach großen und kräftigen Männern für sein Eliteregiment Ausschau. Sonst knausrig, war Friedrich Wilhelm die oft gewaltsame und trickreiche Anwerbung hoch gewachsener Kerls im In- und Ausland beträchtliche Summen wert. Er wies drei-, vierstellige Talerbeträge für die Rekrutierung langer und schöner (!) Männer oft weit weg von Brandenburg und Preußen an und gab pro Einberufenem ein Vielfaches dessen aus, was Beamte, Pfarrer und Lehrer im Jahr verdienten.

Das ist eines der Themen einer neuen Quellenpublikation aus dem Geheimen Staatsarchiv Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Jürgen Kloosterhuis, der Direktor der Schriften- und Dokumentensammlung, erschließt darin die in Berlin-Dahlem erhaltenen Akten zur Regimentskultur der Königsgrenadiere unter Friedrich Wilhelm I. Die Dokumente vermitteln ein faszinierendes Bild der Potsdamer Elitetruppe, die sich der König zum eigenen Schutz und zum Pläsier hielt. Kloosterhuis räumt in der detailreichen Edition mit Legenden und Klischees rund um die blau gekleidete Palastgarde und Kampftruppe auf und schildert, wie die Rekrutierung und der Militärdienst aussahen.

Um seine „blauen Kinder“ nach Potsdam zu locken, war dem Herrscher nahezu jedes Mittel recht, auch Täuschung und Menschenraub. Friedrich Wilhelm I., der sich als Obrist seiner Langen Kerls fühlte, übernahm für sie rundum die Verantwortung. Zum Beispiel setzte er sie nie ernsthaften Kampfhandlungen aus.

Nach seinem Tod (1740) löste sein Sohn, König Friedrich II. („der Große“), die Truppe auf und übernahm sie in die „normale“ Armee, wo sie schon bald in den schlesischen Kriegen verheizt wurde. „Sie fochten, bis sie den Geist aufgaben; sodann deckten sie mit ihren schönen Leibern, in Reihen und Gliedern gestreckt, ihren blutigen Schlachtplatz“, beschrieb ein Zeitgenosse das klägliche Ende vieler Angehöriger des ebenso gefürchteten wie belächelten Königsregiments.

Aus den Dokumenten geht deutlich hervor, dass der Soldatenkönig bis in Einzelheiten genaue Einsicht in den von ihm geschaffenen militärischen Mikrokosmos hatte, der zum Vorbild des künftigen preußischen Staates werden sollte, und jede Disziplinlosigkeit, jeden Fluchtversuch drakonisch ahndete. Die Akten belegen etwa, dass der König die Uniformierung der Garde vorschrieb und überwachte. Er sorgte sich gelegentlich persönlich darum, dass weit weg wohnende Frauen und Kinder nach Potsdam übersiedelten, und er griff ein, wenn sich Offiziere Geld aneigneten, das den Soldaten zustand.

Aufschlussreich war auch die soziale Zusammensetzung der Truppe. „In der gleichen Reih, im selben Glied des Königsregiments schulterten gegebenenfalls Adlige und Unterschichten das Gewehr, exerzierten wohlhabende Hausbesitzer neben Kleinkriminellen, manövrierten gutsituierte Familienväter zusammen mit sozial entwurzelten Heimatlosen“, schreibt Kloosterhuis. Wer da in Reih und Glied beieinander stand, geht aus so genannten „Rangierrollen“ hervor. Wie Offiziere und Rekruten aussahen und uniformiert waren, zeigt der Bildanhang.

Dort findet man auch die Abbildung der Skelette von zwei 2,12 Meter und 2,23 Meter großen Grenadieren, die beim Soldatenkönig gedient hatten. Man muss kein Experte sein um zu erkennen, wie schwer die bedauernswerten Riesen an ihrer ungewöhnlichen Körpergröße litten. Nicht einmal das dreißigstes Lebensjahr sollten sie erreichen.

Info:
Legendäre „Lange Kerls“. Quellen zur Regimentskultur der Königsgrenadiere Friedrich Wilhelms I., 1713-1740. Bearbeitet und herausgegeben von Jürgen Kloosterhuis. Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, 752 Seiten, 62 Euro.

Quelle: Märkische Allgemeine, 12.1.2004

Archiv der Gesellschaft Casino jetzt im Stadtarchiv Duisburg

Altes kann so schön sein. Gerade ist wieder ein bedeutendes Stück Gesellschaftsgeschichte der Stadt sichergestellt worden. Das Stadtarchiv Duisburg hat jetzt das Archiv der traditionsreichen „Gesellschaft Casino“ in Verwahrung genommen und damit vor dem Auflösen gerettet. Die Gesellschaft Casino wurde 1858 gegründet und ist somit eine der ältesten Gesellschaften in der Umgebung. In ihrem Archiv finden sich entsprechend interessante wie alte Vermächtnisse aus dem gesellschaftlichen Leben des bürgerlichen und gut situierten Milieus wieder.

Hauptsächlich sind es Akten, alte Jubiläumsfestschriften, Korrespondenzen. So ist beispielsweise ein Dankensschreiben von Hindenburg aus dem Jahr 1932 zu finden, mit dem er sich für die Einladung zu einem der traditionellen Herrenabende im Duisburger Hof bedankt. Auch etwas zu früherer Zeit sicher Schmackhaftes ist wieder aufgetaucht. Eine Flasche Wein aus dem Jahr 1946. Jener Traubensaft war in früherer Zeit für die ehrwürdige Herrengesellschaft ein wichtiges Element ihrer Existenz.

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts lagerte die Gesellschaft Casino Wein im Wert von damals etwa 400 000 Mark in ihren Kellern in der Altstadt. „Heute wären das Millionenwerte“, schwärmt der Ehrenpräsident Helmut Wehage. Bis zu 30 Fuderfässer (Inhalt: 1000 l) müssen sich in nur einem Gewölbe befunden haben. Von ihren Besitztümern musste sich die Gesellschaft allerdings trennen.

Vieles ist im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges zerstört worden. Später mussten die diversen Immobilien an der Kasinostraße, der Steinschen Gasse und der Beekstraße verkauft werden. Der Erlös hilft den etwa 150 Mitgliedern heute noch in der Finanzierung ihrer Veranstaltungen, an deren Top der traditionelle Herrenabend steht. Die Inhalte des Archivs waren bisher in diversen Kellern verteilt. Mit der neuen Lösung sind die Gesellschaft wie Stadtarchivar Hans Georg Kraume sehr glücklich.

Kontakt:
Stadtarchiv Duisburg
Karmelplatz 5
47049 Duisburg
stadtarchiv@stadt-duisburg.de

Quelle: NRZ online, 10.1.2004

Kreisheimatbund Diepholz beleuchtete das Schicksal von Gefangenen

„Auseinandersetzung mit der Vergangenheit“ war das Thema des Ausschusses „Heimatkunde im Unterricht“ des Kreisheimatbundes Diepholz am Donnerstag Nachmittag bei seiner Zusammenkunft im Syker Kreismuseum. Unter den Teilnehmern konnte Museumschef Dr. Ralf Vogeding als Gastgeber neben Vertretern der Heimatvereine auch Frauen und Männer aus dem Schuldienst begrüßen.
Manfred Schimpff, der im Kreisheimatbund Diepholz den Ausschuss „Heimatkunde im Unterricht' leitet, lag am Herzen, dass in Schulen wie auch in der Öffentlichkeit das Schicksal von 20 000 Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, die während des II. Weltkriegs im Bereich des Kreisheimatbundes darbten, nicht länger totgeschwiegen wird.

Er konnte verschiedene Referenten gewinnen, die sich bereits intensiv mit diesem bedrückenden Kapitel deutscher Geschichte befasst haben. Angeführt wurden sie vom Museumsdirektor Dr. Vogeding selbst. Auf Anregung des früheren Oberkreisdirektors hatte das Kreisheimatmuseum die Wanderausstellung „Der Willkür ausgesetzt' diesem Thema gewidmet.

Nur die enge Zusammenarbeit mit den Gemeindearchiven habe sie ermöglicht, beteuerte Vogeding und fühlte sich dadurch bestätigt, dass die Ausstellung ab kommender Woche „auf Tour geht“ und bereits für ein ganzes Jahr ausgebucht ist. Dann erläuterte er sehr bewegend die Fotos und Dokumente dieser regionalen Konfrontation mit erlebter Geschichte.

Aus Nienburg/Weser war die Journalistin Sabine Hildebrandt gekommen, deren Dokumentations-Roman „Wir wussten nichts davon' 2002 erschien. Sie entwickelte daraus eine Homepage mit Zeitzeugenaussagen, Dokumenten und Links zu weiteren Quellen. Offensichtlich kam diese sehr gut an und wird nun als CD-ROM den Schulen angeboten.

Falk Liebezeit, Archivar aus Diepholz, hatte für den Landkreis die Ortspresse nach Spuren der NS-Zeit durchforstet und daraus eine Materialsammlung erstellt: „Ein Findbuch', wie er sich äußerte, „für ortsnahe Unterlagen über Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenenlager oder NS-Strukturen.'

Erich Hillmann-Apmann stellte sein Buch „Schwarme – ein Dorf im Nationalsozialismus' vor, das diese Strukturen wiedergibt. Daneben nimmt es sich aber auch der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter an. Wolfgang Wortmann schließlich zeigte seinen Videofilm „Heil Hitler, Herr Lehrer', in dem Zeitzeugen anschaulich ihre Jugend zwischen 1933 und 1948 Revue passieren lassen.
Mit ihrer Ehrlichkeit beeindruckten die Zeitzeugen sichtlich die Zuschauer.

Quelle: Weser Kurier (Syker Kurier), 10.1.2004